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BlackRock : Aktueller Blick auf die Märkte : Wo ist das neue „normale“ Risiko?

Die letzten zwei Wochen fühlten sich für viele Anleger an wie die Vertreibung aus dem Paradies…..

Von Dr. Martin Lück, Leiter Kapitalmarktstrategie für Deutschland, die Schweiz, Österreich  und Osteuropa bei BlackRock


Erst zeigten sich Marktteilnehmer nervös mit Blick auf schneller als erwartet steigende Zinsen, dann explodierte förmlich der Preis für Volatilität, letzteres vielfach verstärkt durch den Kollaps von gehebelten Handelsstrategien, die auf ebendiesen Schwankungen basieren. Im Ergebnis schoss der VIX – und in der Folge auch andere Volatilitätsmaße – exorbitant in die Höhe, viel mehr als dies die Korrektur der entsprechenden Aktienpreise nahelegen würde. Die Konsequenz war, dass quantitativ gesteuerte Portfolien, welche nun optisch viel zu viel Risiko auswiesen, dieses Risiko automatisch abverkauften, mit dem Ergebnis eines weiteren Kursrutsches bei Aktien.

Schnell waren beruhigende Kommentare zur Hand, die unisono auf das unverändert positive MakroUmfeld verwiesen. Auch wir vertreten die Ansicht, dass die Kombination aus weltweit starkem Wachstum, nur langsam zurückkommender Inflation und soliden Unternehmensgewinnen weiterhin die Gründe für „risk-on“ bei weitem überwiegen lässt. Dennoch dürfte die Volatilität kaum auf das alte Maß – sowohl VIX als auch VSTOXX stehen am Anfang dieser Woche noch auf mehr als dem doppelten Niveau im Vergleich zum Jahresanfang – zurückgehen. Der Markt ist auf der Suche nach dem neuen Gleichgewicht, dem neuen „normalen“ Risiko. Üblicherweise dauern derartige Prozesse länger als nur ein paar Tage. Es ist also durchaus möglich, sogar wahrscheinlich, dass die Aktienkurse auf Sicht stärker schwanken als vor dem 5. Februar. Und wo immer sich das neue, für normal befundene Risiko einpendelt, es dürfte höher sein als im Durchschnitt des letzten Jahres.

Auf der Suche nach einem Auslöser für die Zinsängste und den dramatischen Volatilitätsausbruch stoßen wir schnell auf die Steuerreform in den USA. Einerseits könnten die stark gesenkten Unternehmenssteuern das Wachstum beschleunigen und damit die ohnehin oberhalb ihres Potentials wachsende US-Wirtschaft an den Rand der Überhitzung treiben. Damit einher geht die Befürchtung, die Inflation könne nun schneller steigen als bisher erwartet, was eventuell eine radikaler einbremsende Fed zur Folge hätte. Die im Januar auf 2,9% Jahresrate gestiegenen Löhne waren eines der Warnzeichen, welche die Märkte in der vorvergangenen Woche auf Korrekturkurs zwangen. Und schließlich steht zu befürchten, dass die Steuersenkungen sich keineswegs, wie von der TrumpAdministration versprochen, durch stärkeres Wachstum selbst finanzieren werden, sondern das Schatzamt vielmehr auf Sicht zu verstärkter Emission von Schuldtiteln gezwungen wird, mit der Folge stärkerer Zinssteigerungen als bisher angenommen. Der neuerliche Shut-down der letzten Woche sowie der am Ende beschlossene neue Haushalt, der eine umfangreiche Neuverschuldung vorsieht, deuten an, dass diese Sorgen nicht völlig unbegründet sein dürften.

Was bedeutet das für Anleger?

Während also die Märkte auf der Suche nach dem neuen normalen Risiko weiter schwanken und eine fragwürdige US-Steuerreform dafür gute Gründe liefert, trägt auch das politische Umfeld in Deutschland keineswegs zur Beruhigung der Gemüter bei. Dies ist vor allem bemerkenswert, gerade weil sich die Risikowahrnehmung verändert hat. Hätte es vor wenigen Wochen die Märkte noch unbeeindruckt gelassen, wenn Deutschland monatelang keine Regierung hat und sich die SPD auf dem Weg dorthin geradezu mit Wonne selbst zerlegt, so gilt dies nicht mehr zwingend für die neue Welt der Risikowahrnehmung, in der wir uns seit dem 5. Februar befinden. Und so dürfte das Trauerspiel um die deutsche Politik die Märkte stärker beeinflussen als dies noch vor wenigen Tagen denkbar gewesen wäre. Am extremen Ende des Spektrums steht ein Nein der SPD-Mitglieder bei der Abstimmung über den Koalitionsvertrag, ein Szenario, das vermutlich durch den unwürdigen Abgang von Martin Schulz nicht unwahrscheinlicher geworden ist – obwohl genau dies erklärte Absicht des Ex-Hoffungsträgers war. Mit einem Nein würden die SPD-Mitglieder aber nicht nur die GroKo verhindern, sondern vermutlich auch ihre komplette Parteiführung – inklusive der designierten Vorsitzenden Andrea Nahles – abräumen und darüber hinaus das Land in das Wagnis von Neuwahlen stürzen. Gut möglich, dass dann auch die bei der CDU bisher gesetzte Kanzlerin ein Einsehen hätte und nicht noch einmal antreten würde. Das hätte dann Folgen für Europa, also weit über die SPD und die Grenzen Deutschlands hinaus.

Die gute Nachricht ist, dass ein solches Nein eher unwahrscheinlich ist, Stand heute. Sollte aber die Enttäuschung vieler SPD-Mitglieder über den Zustand ihrer Partei noch zunehmen, stünde ein Ja zum Koalitionsvertrag immer mehr in Frage. Für die um Stabilisierung bemühten Risikomärkte – inklusive der südeuropäischen Zinsaufschläge – wären das mit Blick auf den 4. März (SPD-Votum und Wahl in Italien) beunruhigende Entwicklungen.

Quelle: AdvisorWorld

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